Carta d’André Jolles a Aby Warburg

Carta d’André Jolles a AbyWarburg

 

23-XI-1900

 

Lieber Freund,

 

Erinnerst du dich unseres Gespräches vor ungefähr einem Jahr in jener Mondnacht auf der Terrasse deiner Villa in San Domenico. Die Orangienbäume dufteten wie ein Märchen. Weit in der kalten Klarheit des blauen Mondlichts, lag die Stadt, wie eine schlafende Frau in ihre Vergangenheit hineingeträumt. Es war alsob man in dem wunderweissen Beben des Nebels ihren Atemhauch sah. Rund herum wachten die Hügel, deren Linien sich nach einander ausstreckten wie sich die Hände reichende Riesen. Ueber uns hing schwarz und bewegungslos das Haus.

Wir hatten natürlich über Kunst geredet. Ich mit dem epicuralischen Uebermut eines Knaben der erst vor kurzem freigekommen von den strammenden Fesseln der universitären Studien, jetzt zum ersten Mal schwelgt an dem Fest der Florentiner Vor-Renaissance. Du mit der mehr bedächtigen Würdigkeit eines Gastes, der sich zwar noch nicht ganz satt gegessen hat, dessen erster Hunger aber gestillt ist. Wir wurden nicht einig. Ich schalt dich in meinem Hetzen einen Pedanten, du mich wahrscheinlich einen paradevollen Freibeuter.

 Die Nachtlandschaft aber beendete unsern Streit, Wir begriffen beide, dass man in manchen Momenten besser thut zu schweigen, um sich ganz der Unendlichkeitsstimmung zu ergeben. In der liquiden Klarheit der Atmosphäre lösten sich unsre Meinungsverschiedenheiten in einer gemeinschaftlichen Naturbewunderung.

Und jetzt komm ich wieder. Aber der übermüthige Kämpfer von damals ist ein dehmüthiger Bittsteller geworden; der Verächter aller offiziellen. Wissenschaft und ihrer Dogmen, der keine andere Autorität als die des Künstlerauges anerkannte, der es wagte, dein heiliges Archiv als muffig und dumm zu beschimpfen und durch die Kunst hüpfen wollte so wie die Ziegen auf dem Berge Gilead, tritt in gebückter Haltung mit einem trübselig winkenden Palmzweig zu deinem Altar und bittet dich unterthänigst den Geist aus ihm zu bannen der ihm keine Ruhe lasst und ihn wie von Furien gepeitscht, durch eine Unterwelt von wilden Phantasien jagt.

Was ist geschehen? Cherchez la femme, mein lieber. Es ist eine Dame im Spiel die grausam mit mir kokettiert. Ich hab einen geistigen flirt angefangen, und werde dessen Opfer. Verfolge ich sie, oder verfolgt sie mich? Ich weiss es wahrhaftig nicht mehr. Aber lass mich meine Leidensgeschichte dir der Reihe nach erzählen.

Ich machte ihre Bekanntschaft bei einem Wochenbesuch in einer Kirche und jetzt wirst du sie wahrscheinlich schon kennen.  Sie wohnt in dem Chor von Sª Maria Novella,  linke Wand, zweite Reihe von Unten, auf dem Bild rechts vom Zuschauer.

De kleine Johannes ist glücklich zur Welt gekommen und Elisabeth empfängt Besuch auf ihrem langen, feierlichen Staatsbett. Sie sieht noch etwas angegriffen aus (bei ihrem Alter ist solche Affäre keine Kleinigkeit) und der Arzt hat stärkende Mittel verschrieben, die ein Dienstmädchen ihr auf einem Präsentirteller anbietet. Vor dem Bett sitzen auf niedrigen Schemeln: die Amme, die dem kleinen Bengel grade zu trinken giebt und eine Wärterin die ihm „Mantjes“ vormacht Der Gesamteindruck der heiligen Vorstellung ist ziemlich nüchtern. Es fehlt eine Pointe. Das Gold der Nimben von Johannes und Elisabeth ist verblichen und mit diesem Strahlenkranz auch ihre bibli­sche Glorie. Es sind einfach sogar ziemlich bürgerliche Personen. Aber wenn der Wert der erbau­enden Erinnerungen verloren ist wird er doch reichlich ausgeglichen durch eine prahlende Gegenwart. Niemand geringeres als eine reiche florentintsche Edelfrau macht hier ihren Besuch. Nicht so sehr bei der Wöchnerin, die sie selbst nicht ansieht eben so wenig bei der heiligen Mutter, die vor kurzem ein Kind geboren hat dessen mächtige Stimme später die Wasser des Jordan erbeben macht, sondern sie macht im allgemeinen einen Besuch. Die aristokratischen Hände über dem etwas gewölbten Bauch gefaltet, das Haupt mit hochherziger Arglosigkeit auf dem schlanken Hals getragen schreitet sie fort während ihr vorsichtiger Schritt kaum die starren Falten ihres schwer brocatenen Gewandes verschiebt Sie ist von einer etwas oberflächlichen Stattlichkeit nicht sehr characteristisch aber sehr distinguirt: eine Weltdame mit unübertriffbarer Gratie und hochnobelen Manieren aber ohne viel Geist.

Hinter ihr spazieren zwei gleichgültige alte Personen: ihre Mutter und ihre Tante. Und hinter diesen grade bei der geöffneten Thür läuft, nein fliegt, nein schwebt der Gegenstand meiner Träume, der allmählich die Proportionen eines anmutigen Alpdruckes anzunehmen beginnt Eine fantastische Figur, nein ein Dienstmädchen, nein eine klassische Nymphe kommt, auf ihren Kopfe eine Schüssel mit herrlichen Südfrüchten tragend, mit weit wehendem Schleier ins Zimmer hinein. Aber, der Teufel, das ist doch keine Manier, ein Krankenzimmer zu betreten, selbst nicht wenn man gratulieren will Diese lebendig leichte aber so höchst bewegte Weise zu gehen, diese energische Unaufhaltsamkeit, diese Länge vom Schritt, während alle andern Figuren etwas Unantasthares haben, was soll dies Alles?! Aber was meint vor Allem dieser plötzliche Unterschied im Fussboden, wo alle andern fest stehen oder gehen auf einem harten Florentiner Biesengrund, scheint dieser unter den Füssen meiner Geliebten seine natürliche Eigenschaft von / der Unbeweglichkett zu verlieren; er scheint sich die wiegende Elastizität einer sonnenbeschienenen Frühlingswiese anzueignen, er wippt wie die dicken Mooskissen auf einem grünschattigen Waldpfad, ja, manchmal kommt es mir vor alsob er etwas Überirdisches hat, alsob das dienende Mägdlein, an statt auf den gangbaren Wegen zu laufen, wie eine Göttin auf zantreibenden Wolken fortgleitet als ob sie mit beflügelten Füssen den hellen Aether durchschnellt, oder auf den langsam schaukeln­den Wellen, auf den Im Delphinnicken sich krümmenden Rundungen, halb steh treiben lässt, halb sich fort bewegt, zu gleicherzeit, mit der Grade eines grossen Vogels, der in breitem Flug, auf ge­strecktem Flügel schiebt, und der eines ranken Schiffes, das mit geblähtem Segel, rythmisch das mächtige Wasser spaltet.

Vielleicht mach ich sie poetischer als wie sie wirklich ist – welcher Liebhaber thut das nicht –aber ich hatte den ersten Moment als ich sie sah dm sonderbare Gefühl das uns manchmal beim Sehen einer düstern Berglandschaft, beim Lesen eines grossen Dichters, oder auch wenn wir ver­liebt sind, überkommt: das Gefühl von “wo hab ich dich mehr gesehen”. Es ist uns alsob eine frü­here Bekanntschaft uns von Anfang an verbindet, etwas (lache nicht) mystisches, alsob wir einen tcuern Freund, oder eine geliebte Stelle aus einer früheren Existenz plötzlich wieder erkennen, und wenn ich mich damit nicht alt zu weit von meiner laufenden Freundin entfernte, wurde ich dir beschreiben, wie, meiner Ansteht nach, ein Gläubiger den Himmel, wo sich die Seelen von allen die er geliebt und bewundert hat befinden, grade wie das Ideal von diesem Erkennungsgefühl vor­stellen müsste.

Genug, ich verlor mein Herz, und in den vergrübelten Tagen, die nun folgten, sah ich sie fortwährend; fortwährend anders und an andern Stellen, und erinnerte mich auch fortwährend andere Lebensumstände, worin ich sie schon gesehen hatte.

Lieber Freund, man verliebt sich eigentlich nur einmal. Wenn man denkt es öfters zu thun,  steht man immer nur andre Fläche desselben Prismas. Die Objekte wechseln, die Verliebtheit bleibt eins und unteilbar. Und so entdeckte ich denn, in vielem was ich in der Kunst geliebt hattet etwas von meiner jetzigen Nymphe.

Mein Zustand schwankte zwischen einem bösen Traum und einem Kindermärchen. Wenn ich meine Wunderlampe in die Hand nahm, und das Zauberwort sprach, erschienen zwar keine fünfzig Cirkassische Sklaven, die Goldschalen auf dem Haupt trugen gefüllt mit Blumen aus puren Edelsteinen (du erinnerst dich wohl Tulpen aus Rubin mit Kehlen von mattem Bernstein, dunkle Iris von Lapis lazuli, auf welchen diamantene Tautropfen hingen, Lilien von Opal, mit Blattern von Jaspis, Veilchen aus durchsichtigem Amethyst u.s.w.). Aber diesmal erschien immer nur das laufende Dienstmädchen mit ihrem Schleier.

Bald war es Salome, wie sie mit todbringendem Reiz vor dem geilen / begehrlichen Tetrarch an­getanzt kommt; bald war es Judith, die stobt und triumfirend, mit lustigem Schritt, das Haupt des ermordeten Feldherrn zur Stadt bringt; dann schien sie sich unter der knabenhaften Grade des kleinen Tobias versteckt zu haben, so wie er mit Mut und Leichtherzigkeit zu seiner gespenstischen Braut marchiert. Manchmal sah ich sie in einem Seraphin, der in Anbetung zu Gott geflogen kommt, und dann wieder in Gabriel wie er die frohe Botschaft verkündet Ich sah sie als Braut­jungfer bei dem Sposalizio in unschuldiger Freude, ich fand sie als fliehende Mutter bei dem Kindermord mit Todesschrecken im Gesicht.

Ich versuchte sie wieder zu sehen, wie ich sie das erste Mal getroffen hatte im Chor der Dominicanerkirche,  aber sie hatte sich verzehnfacht. ————- Ich verlor meinen Verstand. Immer war sie es die Leben und Bewegung brachte in sonst ruhige Vorstellungen, ja, sie schien dm verkörperte Bewegung… aber es ist sehr unangenehm die zur Gelieb­ten zu haben.

Und so komm ich wie gesagt zum Priester der offiziellen Wissenschaft» der das Allerheiligste des Quatrocento kennt oder wenigstens zu kennen hat, um mich nach ihrem Namen, Stand und ih­rer Adresse zu erkundigen. Wer ist sie, woher kommt sie, hab ich sie schon froher, ich meine schon anderthalb Jahrtausend früher getroffen, ist sie von alt-griechischem Adel und hatte ihre Urgrossmutter ein Verhältnis mit Leuten aus Klein-Asien. Egypten oder Mesopotamien, aber vor allem, kommen Briefe an „Die laufende Nymphe. P\R.“ zurecht.

Im Ernst was ist das mit dem Mädchen.

Heut und immer dein

 

[André Jolles].

 

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